Das Nerd-Phänomen

Es ist eine Beobachtung, dass sich in Zwangsgemeinschaften sehr häufig hierarchische Strukturen bilden. Dies hängt vor allem mit dem sozialen Hintergrund der einzelnen Akteure zusammen.
In der modernen Gesellschaft ist fast jeder durch die Schule sehr früh gezwungen außerhalb der Familie in einer nicht selbst gewählten Gemeinschaft zu agieren.
In den meisten Fällen unterteilt sich dann diese Gruppe in zwei Lager.
Ein größeres, dass einem bestimmten Trend folgt, bestimmte strenge Verhaltensnormen kreiert und von den Mitgliedern weitestgehende Konformität verlangt.
Und ein kleineres, dass sich anfänglich hauptsächlich durch eine Gemeinsamkeit auszeichnet, nämlich, dass sie den Verhaltensnormen der Trendsetzenden Gruppe, ob bewusst oder unbewusst, nicht entsprechen.
Meistens sind die Mitglieder der kleineren Gruppe vereinzelt und daher relativ offen den aktiven Sanktionsmechanismen der trendsetzenden Gruppe (im folgenden als TG bezeichnet) ausgesetzt.
Je nach erlernten Ausweichmechanismen unter Verhaltensmustern unterscheidet sich die kleinere ungebundene Gruppe (im folgenden als UG bezeichnet) noch einmal in zwei grobe Kategorien.
Jene die eine aktiv externagressive Reaktion (eR) zeigen und jene die eine passive, teils autoagressive Ausweichstrategie (pA)Verfolgen.
Meistens haben diejenigen, die eine eR zeigen, stärker und häufiger unter den Sanktionen zu leiden, da sie offenkundig eine stärkere Bedrohung für das Gefüge der TG darstellen.
Die Grenzen zwischen eR und pA verschwimmen jedoch sehr stark, da es auch dazu kommen kann, dass durch die ständige negative Konditionierung der eR eine Verhaltensänderung oder zumindest Teiländerung zur pA stattfindet.

Es zeigt sich jedoch, dass bei einer Gruppendynamischen Krise in einem späteren Alter, z.B. der Neukonstellation des Klassengefüges beim Wechsel zur Oberstufe diejenigen, die eine eR gezeigt haben, bei der Umstrukturierung der Gruppen deutlich mehr soziale Kompetenz zeigen als die, welche pA verfolgten.

Es scheint also so zu sein, dass die Anwendung von pA relativ schnell verinnerlicht wird.
Desshalb soll sich die folgende Untersuchung besonders auf diese Gruppe konzentrieren.

Bei der Betrachtung der Lebensläufe der pA People (pAP) fällt auf, dass unter ihnen ein großer Anteil ist, der in der Umgangssprache vorwiegend amerikanischer Subkulturen als „Nerds“ oder „Geeks“ bezeichnet wird.
Dies scheint ein guter Indikator für den vorwiegenden Lebensbereich der pAP zu sein.

Es hat eine Entwicklung von vorwiegend vereinzelten Individuen durch die Internalisierung von Ausweichmechanismen stattgefunden zu einer eigenen Subkultur die sich durch bestimmte Merkmale auszeichnet.

In der kommerzialisierten Welt ist es am einfachsten Trends anhand von Konsumverhalten ausfindig zu machen.
An dieser Stelle, scheinen die „Nerds“ sich in folgenden Bereichen unregelmäßig aber stark ausgeprägt zu verteilen:

Allen voran die große Anzahl derer die sich auf die Tätigkeit mit Computern spezialisiert haben.

Dann, die sich stark überschneidenden nachfolgenden Konsumtätigkeit:
Rollenspiele (Pen&Paper, LARP)
Sammelkartenspiele
Anime & Manga
Tabletopspiele (Warhammer)

Es ist so, dass auch abgesehen von diesen Sachen, Tätigkeiten wie Brettspiele oder hoher Film und Fernsehkonsum bei den pAP häufig vorkommen, jedoch grenzen sich die Nerds eben genau über jene, erst kürzlich entstandenen Konsummöglichkeiten von der Gesamtmasse ab.
Natürlich sind die Grenzen zwischen der Gesamtmasse und den pAP fließend. Es ist jedoch auffällig, dass die Tätigkeiten die von den Nerds bevorzugt werden eine Gemeinsamkeit haben. Sie bilden alle eine Möglichkeit auf konstruktivistischer Ebene alternative Welten zu erleben und dabei trotzdem bestimmten Regeln zu folgen die eine gewisse Sicherheit bieten. Dadurch kommt es dazu, dass Nerds, außer ihren eigenen ausgesuchten Peergroups gegenüber, sehr wenig soziales Verhalten an den Tag legen.
Sie scheinen meist unsicher und zurückgezogen in sozialen Konfliktsituation, wenn sie ihre eigene soziale Situation noch nicht kritisch reflektiert haben und versuchen einen anderen sozialen Status zu erlangen. Dies zeigt, wie stark durch die Sanktionen der TG ein passives Ausweichverhalten internalisiert wird.

Wie kommt es aber zur Bildung größerer Gruppen von pAP?
Es scheint so zu sein, dass sich Nerds über ihr Konsumverhalten definieren. Jedoch weiter scheint es eine starke empathische Verbindung zwischen Nerds zu geben, die einander über ihr Konsumverhalten auch identifizieren.
Der unbewusste Dialog der statt findet, hängt wohl mit der Erwartungshaltung zusammen, dass der Gegenüber ähnliche Sozialisationsbedingungen hatte und daher auf eine ähnliche Art und Weise sensibel mit einer bestimmten Gruppenkonstellation umgehen wird.
Darüber hinaus spielt natürlich auch die Möglichkeit eine Interessengruppe zu bilden eine große Rolle.
Die Peergroups sind häufig Ort einer gemeinsamen Neukonstruktion von Selbstbewusstsein und alternativer Gruppenstrukturen in einem geschützten Rahmen.
Dort wird gemeinsam dem Konsumverhalten gefrönt und gegenseitige Bestätigung ausgedrückt. Viele der Peergroups definieren sich gar über nur einen einzigen gemeinsamen Bereich und drehen sich nur um diesen als Mittelpunkt.

Nun ist es nicht so, dass man entweder ein Nerd ist oder nicht.
Es gibt wie erwähnt einen fließenden Verlauf und die Entwicklung ist ebensowenig statisch wie unumkehrbar. Fast jeder hat einen Teil seiner Persönlichkeit, der ihn auf die ein oder andere Art als Nerd kategorisieren würde. Lediglich der Einfluss dieses Teils auf das Verhalten variiert sehr stark. Mancher mag es auch ernsthaft genießen in dieser friedlichen Umgebung Sicherheit gefunden zu haben.
Die ursprünglich abfällige Bedeutung des Wortes (Streber), kann und soll nicht aufrecht erhalten werden. Nerds sind durch ihre Vielzahl zu einem sozialen Phänomen geworden.
Sie bilden einen Großteil der Infrastruktur und sind durch ihre vermehrte Spezialisation auf Computer ein Stützpfeiler der Informationsgesellschaft.
Denoch ist alleine die Tatsache, dass so viel Aufmerksamkeit auf diese soziale Gruppe gerichtet wird, ein wichtiger Hinweis, dass es einen schweren Konflikt in der Sozialisation unserer Kinder gibt, der einen gesamtgesellschaftlichen Ursprung hat.

 

von Alexander Burgdorf

 

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